ARD-Hörspieldatenbank


Originalhörspiel



Stephan Bock

Ruhrepos

Eine historische Reportage mit einem Nachwort des Autors


Regie: Frank Hübner

Recherchierend für eine Reportage über die Fliegerin Mattilde Reich, die 1926/27 in Essen/Mühlheim vergeblich versucht hatte, eine Verkehrsmaschine zu fliegen (und jetzt Inhaberin der "Pittsburgh Airtaxi's" ist, der "Flying Petticoats"), stößt der Kölner Schriftsteller Bernhard Schapitz auf eines der größten Theaterprojekte der späten 20er Jahre: Das "Ruhrepos" - eine "Eroica der Arbeit" von Kurt Weill, Bert Brecht und Carl Koch, geplant für ein "Bayreuth der Arbeitswelt" in Essen. Schapitz trifft Mathilde Reich und beschließt, seine Reportage um jenes Projekt zu erweitern. Er möchte wissen, woran das "REP" gescheitert ist, und da auch Mathilde Reich daran interessiert ist, macht sich Bernhard Schapitz an die Arbeit. Was er findet, ist deprimierend und von erschreckender Aktualität zugleich, hatte es doch weder an Finanzen noch an Provinzverhältnissen gelegen, dass das "REP" abgesetzt worden war (wie Forschung oder Dramaturgie stets behauptet hatten), sondern an Antisemiten, die gegen die "zwei Juden Brecht und Weill" gehetzt hatten. Als Schapitz das zentrale Dokument gefunden hat, notiert er: "Ich habe Zeit, den ganzen restlichen Tag. Und so fahre ich denn noch einmal über Mühlheim, Oberhausen, Duisburg-Ruhrort. Je länger ich fahre, desto schmerzlicher wird mir bewusst: Wie viele Menschen haben hier gelebt, gearbeitet, geliebt, wurden arbeitslos, sind zu Tode gekommen? Und da sind die beiden Weltkriege noch nicht einmal genannt. All diese Millionen, und ich erinnere mich des Fotos, auf dem Essener Arbeiter Parolen von einer Wand kratzen müssen, mit den Fingernägeln, bewacht von Nazis und Polizei, all diesen Frauen, Männern, Kindern, vor allem den Kindern, ist 'ihre' Kunst verwehrt worden - eine ernste, witzige, vor allem aber unglaublich gekonnte 'Eroica der Arbeit'. Es ist eine Utopie, ich weiß, warum aber gerade sie: vergessen - ." Der WDR sendete dieses Hörspiel als Dreiteiler 1991/92; 1994 wiederholte er alle drei Teile. Niemand konnte damals wissen (wohl aber befürchten), dass die historische Reportage Stephan Bocks ihre Aktualität behalten würde. Denn bei allem Interesse, das Bocks akribisch recherchiertes Reportagehörspiel weckte, wollte niemand wahrhaben - denn die "Daten" waren eindeutig -, woran eines der großartigsten Theaterprojekte gescheitert war, geschweige denn den aktuellen Kern sehen. Und dies, wo doch unüberlesbar war: "So ist die Kunst Essens in Gefahr, völlig zu verjuden." Der WDR wiederholt aus aktuellem Anlass jene Passagen des Hörspiels, die von der Recherche zum "Ruhrepos" handeln. Mit welcher Eindringlichkeit, mit welcher Leidenschaft Stephan Bock 1991/92 seine Geschichte erzählt hat, wird im Abstand der Jahre noch einmal hörbar - dies kann bedrückend, es kann jedoch auch ein Stück Hoffnung sein. "Eine Huldigung an das Ruhrgebiet - aber auch ein Stück Trauerarbeit über die verpasste Chance, dem Industrie-Zentrum ein kulturelles Denkmal zu setzen", dieser Satz der WAZ vom 31. März 1992, dem Tag der Ursendung, gilt noch immer.

Stephan Bock, geboren 1946 in Sachsen, übersiedelte nach Dortmund und arbeitete als Dramaturg und freier Autor. Für den WDR schrieb er die Hörspiele "Doppelte Ankunft" (1983) und "Das wilde Geheul unserer täglichen Arbeit oder Komm heraus du Schönheit von Mühlheim - Aus dem Ruhrgebiet des Bertolt Brecht" (1991/92).

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Mitwirkende

SprecherRolle/Funktion
Lola MüthelMathilde Reich
Karoline Eichhorn
Matthias HaaseSchapitz
Christian BrücknerMerten-Eicher
Ulrich NoethenBrecht
Steffen GräbnerWeill
Volker RoosKoch
Katharina LinderIrina Gromhoff
Wolfgang PackhäuserRedner
Bernd Stief
Bernd Stegemann
Claus-Dieter Clausnitzer
Chantal Wood
Erwin Brunn
Angela Schmidt
Christian Korp
Andrea Matzker
Oliver Nägele
Hartmut Stanke
Brigitte Wanninger
Walter Gontermann
Helga Uthmann
Viktor Neumann
Gerhard Klapper


 


Hörspiel aktuell


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Westdeutscher Rundfunk 2001


Erstsendung: 31.03.2001 | 113'55


REZENSIONEN

Frank Kaspar: In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30.03.2001. S. 59.


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