ARD-Hörspieldatenbank

Hörspielbearbeitung



Peter Weiss

Die Ästhetik des Widerstands (1. Teil: Der Altar)


Vorlage: Die Ästhetik des Widerstands (Roman)

Bearbeitung (Wort): Karl Bruckmaier

Komposition: David Grubbs

Regie: Karl Bruckmaier

Die Ästhetik des Widerstands, das in den Jahren von 1971 bis 1981 entstandene erzählerische Hauptwerk des Schriftstellers Peter Weiss, gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Romanen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum des fast 1.000 Seiten umfassenden Triptychons, das die Geschichte des Scheiterns sozialistischer Ideale und Kämpfe und das Ausgeliefertsein des Individuums in totalitären Zeiten abbildet, steht die Person eines fiktiven deutschen Widerstandskämpfers. Dieser Ich-Erzähler verlässt als Jugendlicher 1937 Berlin und gelangt über die Tschechoslowakei, Spanien und Paris nach Schweden. Da wie dort wird er Zeuge der Widerstandskämpfe gegen Nazideutschland und der Machtkämpfe innerhalb der Kommunistischen Partei. "Wer ist dieses Ich? Ich selbst bin es." Der namenlose Protagonist ist in vielen Details dem Autor nachgebildet. Er gibt Peter Weiss Gelegenheit, durch seine literarische Trauer- und Erinnerungsarbeit eine sprachmächtige Aufarbeitung eines historisch entscheidenden Jahrzehnts in der Auseinandersetzung der Ideologien zu liefern. Am Ende steht der Fall des Faschismus, gleichzeitig entwerten sich aber auch die Utopien der europäischen Linken im sowjetischen Personenkult und in der weltanschaulichen Zerrissenheit der Arbeiterparteien. Darüber hinaus arbeitet sich Weiss auch an der für ihn persönlich relevanten Hauptfrage ab, inwieweit politische Notwendigkeit und individuelle Erkenntnis über ästhetische Zusammenhänge miteinander zur Deckung gebracht werden können - auch hier gelingt dem Autor eine bittere Synthese aus Kunsttheorie und Realitätsanspruch: Der Ich-Erzähler und seine Gefährten entwickeln nicht nur über politische Erörterungen und Einschätzungen, sondern ebenso über Lektüren und gemeinsame Kunstbetrachtung eine Art kollektive Weltsicht. Durch die Reflektion seines politischen Tuns wie durch die Deutung großer Kunstwerke erfindet sich der Erzähler im Roman eine eigene Position als geistiger Arbeiter, als freier Schriftsteller, der sich aber aus ebenso freien Stücken der Disziplin einer Kaderpartei unterwirft: "Für den Ruf nach totaler Zertrümmerung der Kunst hatten wir nichts übrig, solche Parolen konnten sich diejenigen leisten, die übersättigt waren von Bildung." Zu seinem Romanprojekt betrieb Peter Weiss intensive historische Recherchen, um dem entstehenden Werk "breiteste Realität zu geben". Neben der Hauptperson begegnet der Leser Figuren wie Willi Münzenberg oder Herbert Wehner und den Mitgliedern der Widerstandsorganisation um Harro Schulze-Boysen ("Rote Kapelle"). "Ich benutzte die authentischen Namen im Roman als Chiffren", notierte Peter Weiss dazu. Eine dieser Chiffren ist Bert Brecht. Auf ihn und seine Mitarbeiter stößt der Ich-Erzähler im schwedischen Exil. Weiss beschreibt manchmal bis ins quälende Detail alles über die Antagonismen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in Deutschland, Spanien, Schweden und im französischen Exil, denen groß angelegte Ausdeutungen von Gemälden (Picassos "Guernica") und Romanen (Kafkas "Das Schloss") gegenüberstehen. In den grob zehn Jahren (1937 bis 1947), die der Roman umfasst, bekämpften zwei totalitäre Systeme - Faschismus und Kommunismus - sich selbst und die Menschheit aufs grimmigste und rücksichtsloseste. Im Namen einer pervertierten Vernunft und Wissenschaftlichkeit wurde mehr gemordet als je in der Geschichte zuvor im Namen einer Religion oder metaphysischen Idee - und dies aus dem Herzen des zivilisierten Europa heraus. 

Peter Weiss, 1916 in Berlin geboren, am 10. Mai 1982 in Stockholm gestorben, war Schriftsteller, Maler und Filmemacher. 1934 musste er Deutschland verlassen und wurde 1945 schwedischer Staatsbürger. Vor allem seine großen politischen Dramen verschafften ihm weltweite Geltung und machten ihn zu einem der meistgespielten und meistgelesenen Nachkriegsautoren Deutschlands.

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Mitwirkende

SprecherRolle/Funktion
Robert Stadlober1. Erzähler
Peter Fricke2. Erzähler
Rüdiger VoglerVater
Michael TregorHodann
Helga FellererCoppis Mutter
Ulrich FrankCoppis Vater
Paul HerwigCoppi
Helmut StangeGrieg
Christian FriedelHeilmann
Stephan ZinnerAyschmann
Katharina SchubertMarcauer
Sabine KastiusLindbaeck
Susanne-Marie WrageBischoff
Hanns ZischlerPoelchau
Jochen StriebeckTombrock
Wolfgang HinzeSchwarz
Jule RonstedtLazar


Peter Fricke in der Rolle des zweiten Erzählers | © BR/Wilfried Petzi

Peter Fricke in der Rolle des zweiten Erzählers | © BR/Wilfried Petzi

Peter Fricke in der Rolle des zweiten Erzählers | © BR/Wilfried Petzi
Jule Ronstedt in der Rolle der Lazar | © BR/Wilfried Petzi
Katharina Schubert als Marcauer und Paul Herwig als Coppi | © BR/Wilfried Petzi
Susanne-Marie Wrage als Frau Bischoff | © BR/Wilfried Petzi
Hanns Zischler in der Rolle des Poelchau | © BR/Stefanie Ramb

Hanns Zischler in der Rolle des Poelchau
© BR/Stefanie RambHanns Zischler in der Rolle des Poelchau
© BR/Stefanie Ramb



PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Bayerischer Rundfunk / Westdeutscher Rundfunk 2007


Erstsendung: 15.01.2007 | 55'18


CD-Edition: Der Hörverlag 2007


AUSZEICHNUNGEN

Deutscher Hörbuchpreis 2008 Das besondere Hörbuch/Regie (CD-Edition)
hr2-Hörbuchbestenliste Hörspiel des Jahres 2007 (CD-Edition)
hr2-Hörbuchbestenliste Mai 2007 (CD-Edition)
Hörbuch des Monats März 2007


REZENSIONEN

Tobias Lehmkuhl: Süddeutsche Zeitung. 20.03.2007. S. V2/23. | Norbert Schachtsiek-Freitag: Funk-Korrespondenz. Nr. 12. 23.03.2007. S. 28-29. | Fritz Wolf: Berliner Zeitung. 23.03.2007. S. 30. | Katja Riedel: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 01.04.2007. S. 26. | N. N.: epd Medien. Nr. 30. 18.04.2007. S. 16. | Dietmar Dath: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 21.04.2007. S. 40. | Volker Lilienthal: epd Medien. Nr. 36. 09.05.2007. S. 33-34. | Christiane Zintzen: Neue Zürcher Zeitung (Internationale Ausgabe). 01.06.2007. S. 27. | N. N.: Funk-Korrespondenz. Nr. 48. 30.11.2007. S. 27. | Volker Lilienthal: Funk-Korrespondenz. Nr. 10. 07.03.2008. S. 5-6.


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