ARD-Hörspieldatenbank

Originalhörspiel



Patrick Findeis

Metamorphosen

Aus dem Leben der Maria Sibylla Merian

Maria Sibylla Merian zum 300. Todestag


Komposition: Tarwater

Dramaturgie: Andrea Oetzmann

Technische Realisierung: Daniel Senger; Andreas Völzing; Sonja Röder

Regieassistenz: Constanze Renner


Regie: Kai Grehn

Moskitos, Motten, Nachtfalter umkreisen die Öllampe in einem Holzhaus am Rande von Paramaribo, der Hauptstadt Surinams. Es ist April, Regenzeit, im Jahr 1701. Kakerlaken huschen in dunklen Ecken, in die das schwache Licht der Lampe nicht hinreicht, schwüle Hitze und der Geruch von Krankheit füllen den Raum. Maria Sibylla Merian hat Malaria, Gelbfieber, irgendeine der zahllosen Tropenkrankheiten, im Fieberwahn fantasiert sie ihr vergangenes Leben: Hineingeboren in die Zerstörung, die der Dreißigjährige Krieg in weiten Teilen des Deutschen Reichs hinterließ, in Pestjahre, Hungerjahre, Kältejahre, ist ihr Leben immerhin privilegiert: Ihr Vater ist der bekannte Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian, ein alter Mann bei ihrer Geburt, der stirbt, als Maria Sibylla drei Jahre alt ist. Bereits ein Jahr später heiratet die streng pietistische Mutter den Blumenmaler Jacob Marrel. Er lehrt das Mädchen das Malen von Stillleben und das Kupferstechen zu einer Zeit, in der Frauen der Zugang zu Kunstakademien und Werkstätten nicht gewährt wird. Mit dreizehn Jahren entdeckt Merian ihre Passion für Raupen und deren Metamorphose zum Sommervogel, dem Schmetterling. Ihre Holzkisten mit gesammelten Raupen und deren Wirtspflanzen, mit Puppen und Kokons, werden Merian bis zu ihrem Tod 1717 begleiten – von ihrer Geburtsstadt Frankfurt aus nach Nürnberg, nach Schloss Walta-State in Friesland, wo die pietistische Sekte der Labadisten ein Neu-Jerusalem errichtet zu haben glaubt, nach Amsterdam. Und schließlich nach Surinam, wohin sie 1700 aufbricht um zu forschen, zu zeichnen, zu malen.

Das Hörspiel folgt Merians Liebe zur Natur, ihrer Weltsicht als Künstlerin und Mystikerin, die im kleinen, unscheinbaren Dasein der Insekten die Größe von Gottes Schöpfung sichtbar zu machen versuchte. Die Metamorphose spielt nicht nur in Merians Werk eine große Rolle, auch ihr Leben unterlag mehreren Wandlungen. Sie war Ehefrau und Mutter, ernährte ihre Familie, veröffentlichte Blumen- und Raupenbücher, stellte Farben her und handelte mit ihnen, gab höheren Töchtern Unterricht im Zeichnen und Malen. Dann, nach fünfzehn Jahren Ehe, verließ sie ihren Mann in Nürnberg und blieb bei der pietistischen Sekte der Labadisten. Und nach fünf Jahren Klosterleben wieder eine Häutung: Sie verließ die Sekte und betrat die Amsterdamer Gesellschaft als geschiedene und selbstbewusste Frau und Künstlerin, die gegen alle Widerstände ihre Reise nach Surinam vorbereitete und durchführte. Das Ergebnis dieser Reise, ihr Buch "Metamorphosis insectorum Surinamensium" hatte großen Einfluss auf Wissenschaft und Kunst und machte Merian berühmt. Die Künstlerin starb am 13.01.1717 im Alter von 69 Jahren in Amsterdam. Man beerdigte sie in einem Armengrab, das heute nicht mehr aufzufinden ist.

Patrick Findeis, geboren 1975 in Heidenheim an der Brenz, lebt als freier Autor in Berlin. Er studierte Komparatistik, Psychologie und Kommunikationsforschung an der Universitat Bonn und ist Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Für seinen Debütroman »Kein schöner Land« erhielt Findeis 2008 den 3sat-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Er ist Autor der Hörspiele "Kein schöner Land" (SWR 2012) "Schneewalzer" (SWR 2013), "Hannelore. Oder: So ein abgelichtetes Leben will verkraftet sein" (SWR 2014), "Wölfe, Wölfe!" (SWR 2015).

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Mitwirkende

SprecherRolle/Funktion
Anne Ratte-PolleMaria Sybilla Merian
Lilith StangenbergDorothea Merian
Virginia MukweshaAlice


 

Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Südwestrundfunk 2016

Erstsendung: 08.01.2017 | SWR2 | 74'11


REZENSIONEN

  • Stefan Fischer: Insekt im Ohr. In: Süddeutsche Zeitung vom 4.1.2017.
  • Eva-Maria Lenz: Lebens- und Forscherfreude. In: epd medien, Nr. 3 vom 20.1.2017, S. 36.
  • Christian Hörburger: Filigran und schwebend. In: Medienkorrespondenz, Nr. 2-3 vom 27.1.2017, S. 54.

Darstellung: