ARD-Hörspieldatenbank

Ars acustica



wittmann/zeitblom

Tell me something good, Stockhausen!

Digitale Gesänge


Komposition: wittmann/zeitblom

Technische Realisierung: Boris Wilsdorf

Regieassistenz: Magdalena Schnitzler


Regie: wittmann/zeitblom

The Story goes like this: 1956 versuchte Stockhausen im Gesang der Jünglinge Dystopie und Utopie zu vereinen. Eine der vielen Legenden um dieses Kunstwerk könnte lauten, dass der Komponist aus der Schwärze seiner eigenen Kindheit und den Flammen des Holocaust einen Lobgesang auf den Herrn erschaffen wollte und dazu die Unschuld des Knabengesangs mit elektronischer Musik verschmolz. Doch, so betonte der Schöpfer des Kunstwerks selbst, ging es beim Gesang der Jünglinge im Feuerofen nicht um den Inhalt, sondern um das rituelle Moment der Sprache. Sein selbst proklamiertes Ziel war, mit einer 5-Kanal-Klangmaschine die damaligen Mono-Hörgewohnheiten signifikant zu erweitern – und was könnte sich besser dazu eignen, als seine Installation im Kölner Dom zu Ehren Gottes erklingen zu lassen. Visionär, provokant, kalkuliert – wie dem auch sei. Das Werk wurde seitens der Kirchengemeinde als zu denaturiert abgelehnt. Auch diese Erfahrung dürfte Stockhausen 1971 zu einer seiner klügsten Thesen geführt haben: „Change the method! - New methods change the experience. New experiences change man.“ Ein halbes Jahrhundert nach seiner legendären Lecture „Four Criteria of Electronic Music“ verändert das Hörspielduo „wittmann/ zeitblom“ ihre Methodik und treibt inspiriert vom „echten Leben“ auf einem Strom der hyperrealen Klangsynthese im binauralen 3D-Hörraum. Geht es beim Gesang der Jünglinge noch um die Vermischung von Mensch und analoger Technik, wird in ihren dreidimensional- angelegten, rein digitalen Gesängen die Maschine zur Solistin. Alles Organische ist in ihr aufgegangen. Planvoll denaturiert, entmännlicht, entweiblicht, divers. Ein neues Wesen, „Enhance“, steuert uns durch Beobachtungen aus unserem schizophrenen, medialen, postfaktischen, von disruptiven Technologien und Denkschablonen geprägten Alltag und propagiert die Notwenigkeit des Datazentrismus. „Weißt du, wer da spricht?“ – Never mind! The Story goes like this: 50 Minuten Human Voice Machine mit mikrorhythmischen Sprachsamples, generiert aus Texten von Nick Bostrom, Rosa Luxemburg, Yuval Noah Harari, einem AI-Poem-Generator, Julius Sturm, Robert Barry u.a.. Smart systems, smart love, smart life, smart dust. Just do it.

Christian Wittmann, geb. 1967, Schauspieler, Regisseur. 

Georg Zeitblom, geb. 1962, Komponist, Bassist. Weitere gemeinsame Hörspiele in u.a. T.A.Z. – Temporäre Autonome Zone (Deutschlandradio 2012), Black Noise (WDR 2016).

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Mitwirkende

Sprecher
Alice Dwyer
Sabin Tambrea
Christian Wittmann

Vokalist: Mika Bajinski, Sinclair Zedecks

 


 

Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Norddeutscher Rundfunk / Deutschlandfunk / Bayerischer Rundfunk 2020

Erstsendung: 01.04.2020 | NDR Kultur


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