ARD-Hörspieldatenbank


Hörspielbearbeitung, Porträt



Peter Weiss

Abschied von den Eltern (3.Teil)


Vorlage: Aschied von den Eltern (Erzählung)

Komposition: The Notwist

Regie: Karl Bruckmaier

Der Tod der Eltern wird für den Erzähler in Peter Weiss' autobiografischer Prosa Auslöser zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. "Abschied von den Eltern", erstmals 1961 erschienen, handelt von dem Zauber und den Abgründen der Kindheit, von den schmerzhaften Prozessen des Wachsens, der unausweichlichen Loslösung von Vater und Mutter, der Suche nach einem eigenen Leben. Sprunghaft und dennoch kunstvoll gewebt, mit einer gleichermaßen soghaften wie präzisen Sprache breitet Weiss ein Netz aus Momentaufnahmen aus und entwirft eine Ausdeutung seiner Vergangenheit, die in seine Entwicklung zum Künstler mündet. Der Erzähler berichtet von der frühen Kindheit und den ersten prägenden Eindrücken seiner Heimatstadt, schildert die sublimen Machtspiele unter Kindern und seine ersten sexuellen Erfahrungen. Er berichtet von Friederle, dem Nachbarsjungen, der ihn beständig drangsaliert und darüber, wie ausgeschlossen er sich nicht nur gegenüber Gleichaltrigen, sondern auch innerhalb seiner Familie fühlt. Die Beziehungslosigkeit der autoritären Eltern und ihre unantastbare Dominanz erzeugen für ihn den Eindruck als Fremder unter Fremden zu leben und den Wunsch nach Wärme und Zugehörigkeit. Als die geliebte Schwester Margit stirbt, beginnt für ihn die allmähliche Auflösung seiner Familie, die begleitet wird durch die lange Flucht vor den Nationalsozialisten ins schwedische Exil über London und Prag. Schließlich führt die Möglichkeit, eigene Ausdrucksformen in Malerei und Literatur zu finden, zu freiheitlicher Selbstbestimmung und innerer Unabhängigkeit. Eine Entwicklung, der seine Eltern durch eine Lehre im Warenhaus vergeblich versuchen, entgegen zu wirken. "Und die Unruhe, die jetzt begonnen hatte, ließ sich nicht mehr eindämmen, nach Wochen und Monaten langsamer innerer Veränderungen, nach Rückfällen in Schwäche und Mutlosigkeit, nahm ich Abschied von den Eltern."  Abschied von den Eltern erscheint als erster Teil einer autobiografischen Künstlerprosa, die in "Fluchtpunkt" (1962) ihre Fortsetzung findet. Obwohl Peter Weiss immer sehr nah an seinen persönlichen Erfahrungen bleibt, bekommen seine Schilderungen etwas entwicklungspsychologisch Allgemeingültiges. Gleichzeitig schafft er durch die differenzierte Beschreibung des Einflusses von Familie auf das Individuum auch eine kritische Betrachtung des konservativen Bürgertums Mitte des 20. Jahrhunderts, wodurch seine Erzählung zu einem wichtigen Werk für die Jugendprotestbewegung von 1968 wurde. Die Stimmung der hier ungekürzten Audiofassung der Erzählung wird auch durch den Sound der Independent Band "The Notwist" zur Geltung gebracht. Grundlage für die musikalischen Intermezzi sind acht Collagen, die Peter Weiss 1962 zu Abschied von den Eltern angefertigt hat, um die Geschichte mit anderen Mitteln noch einmal zu erzählen.

„Die Sache mit der Wunschbiographie: In seiner Ästhetik des Widerstands spielt für Peter Weiss die Überlegung eine große Rolle, wie das eigene Leben verlaufen wäre, hätten sich nur ein paar wenige Parameter in seinem Lebenslauf verschieben lassen. Der namenlose Protagonist darf und muss sich durch ein Leben im Klassenkampf träumen, auch wenn er nie so recht über einen Beobachterstatus hinausgelangen kann. In Abschied von den Eltern, 1961, also gut zehn Jahre früher, veröffentlicht als der erste Band der Ästhetik, treffen wir im Gegensatz dazu auf den Versuch eines Rechenschaftsberichts über das in etwa tatsächlich so oder ähnlich verlaufene Leben des Dichters, ursprünglich einmal gerichtet an seine Lebensgefährtin Gunilla Palmstierna. Wie auch in der 10-teiligen BR-Hörspielfassung von der Ästhetik des Widerstands leiht Robert Stadlober in der Inszenierung von Abschied von den Eltern dem „Ich“ seine Stimme; dramaturgisch und inszenatorisch unterstreichen wir damit die Ähnlichkeit des behandelten Sujets in beiden Werken, doch fehlt in Abschied von den Eltern das reflektierende Alter Ego, das in der Ästhetik durch Peter Fricke gegenwärtig war. Der junge Mann wird ohne Überbau klarkommen müssen, tasten, suchen, um Selbst-Verständnis ringen. Die acht Collagen, die Peter Weiss seinem zweiten bei Suhrkamp erschienenen Werk beigefügt hat, nehmen The Notwist – Meister der popmusikalischen Introspektion – zum Anlass, in kurzen Songs diesen Text aus der Hochzeit der Gruppe 47 mit einer heutigen Klangästhetik zu versehen.“ (Karl Bruckmaier)

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Mitwirkende

 


Hörspiel aktuell


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Bayerischer Rundfunk 2013


Erstsendung: 26.04.2013 | 102'23


CD-Edition: Der Hörverlag 2013


AUSZEICHNUNGEN

2. Platz hr2-Hörbuchbestenliste Oktober 2013 (CD-Edition)


REZENSIONEN

Swantje Karich: Am Ende blutet das Ohr - Karl Bruckmaier gelingt mit "Abschied von den Eltern" von Peter Weiss ein Meisterwerk. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 14.09.2013. S. 36 (zur CD- Ausgabe).


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