Hörspiel
Autor/Autorin:
Ursula Krechel
Sitzen Bleiben Gehen
Technische Realisierung: Heike Weyh, Christiane Köhler
Regieassistenz: Stefan Hardt
Regie: Hans Gerd Krogmann
Weitere Mitwirkende
Sprecher/Sprecherin Rolle/Funktion Hermann Treusch 1 Dr.K Walter Renneisen 2 Dr.K Marianne Lochert Félicité Hans Edgar Stecher Kellner Jutta Lampe Eine lebens- und leseerfahrene Frau
Als "Gerichtshof im Hotel" hat Franz Kafka seine Entlobung mit Felice Bauer bezeichnet, die sich am 12. Juli 1914 im Berliner Hotel 'Askanischer Hof' vor befreundeten Zeugen abspielte. Eine Szene am Vorabend des ersten Weltkriegs, aus der Jorge Semprunin seinem Roman "Der weiße Berg" vor einigen Jahren die phantasmagorische Idee von einem 'Tribunal im Askanischen Hof' entwickelt hat. Ebensowenig wie der Romancier Semprun hat sich die Radio-Poetin Ursula Krechel darangemacht, das biographisch bezeugte Junggesellendrama Kafkas aus dem Jahre 1914 samt Zeugenschaft zu simulieren. In der Vorstellung einer lebens- und leseerfahrenen Frau überlagert ihr "Nachspiel im Radio" zwei historisch unvergleichliche Situationen, die doch den Ort und die Junggesellenschaft der Akteure gemein haben. Das phantasierte Tableau einer Begegnung des aus Prag angereisten Hotelgastes vom Vorabend des ersten Weltkriegs mit dem frauenflüchtigen Psychologen Dr. K. den es am Vorabend des zweiten Weltkriegs aus ebenso privatem Anlaß aus dem Südwesten in die Reichshauptstadt getrieben hat. Beide Doctores K., deren anachronistische Begegnung in der Hotelhalle mit gestrigen wie mit heutigen Ohren belauscht wird, verbindet ein Fatalismus gegenüber den Zeitläufen ebenso, wie die Furcht vor ihren Bräuten. Aber nichts an diesem Ort von Ruhe und Distanz bewahrt sie vor den tönenden Verstörungen, die aus dem Radio dringen, und den realen Verstörungen, die die Magd Félicité - eine in die Szene entsprungene Kopfgeburt Flauberts - bei ihnen auslöst. Bei ihnen - und bei der lebens- und leseerfahrenen Frau, die mit heutiger Belesenheit Félicité ins Feld geführt hat. Félicité, ein schlichtes Herz.

Produktions- und Sendedaten
- Südwestfunk 1990
- Erstsendung: 15.02.1990 | 66'40