Originalhörspiel, Kurzhörspiel
Autor/Autorin:
Gerhard Rühm
Ophelia und die Wörter
Regie: Klaus Schöning
Weitere Mitwirkende
Sprecher/Sprecherin Giselheid Hönsch
Das Hörspiel "Ophelia und die Wörter", das Gerhard Rühm im Auftrag des
WDR geschrieben hat, basiert auf dem vollständigen Text der Ophelia
aus Shakespeares "Hamlet" in der Übersetzung von Schlegel. Dieser Text
wurde demontiert, das heißt, alle Haupt- und Zeitwörter aus dem
Satzverband herausgelöst und einzeln in ihrer Grundform
aneinandergereiht. Die so gewonnene Wortkette ist in umgekehrter
Reihenfolge, also krebsgängig, in den Originaltext Ophelias eingefügt
und zwar an den Stellen, an denen der Text des jeweiligen Partners
ausgespart wurde. Dieses abstrahierte Vokabular verschränkt sich dabei
mit ihrem eigenen Grundtext - prospektiv und retrospektiv: Zukunft,
Gegenwart, Vergangenheit überschneiden sich, bis mit dem letzten Wort
der Kreis geschlossen ist. Hinzu kommt eine Geräuschkulisse, deren
neugeordnetes Material aus der akustischen Realisierung jener Begriffe
stammt, die Hörbares bezeichnen.
Die Rolle der Ophelia erscheint also in sich geschlossen - ihre Umwelt
setzt sich aus den Elementen ihres Sprachbestandes zusammen, ist
gewissermaßen der Spiegel ihrer eigenen Worte und Vorstellungen, eine
hermetische Begriffs-"welt", in die sie sich immer tiefer verstrickt,
bis sie selbst im "Wahn"-sinn endet, ihre Rede sich verwirrt. Dieser
Prozess, der bei Shakespeare von außen her motiviert, erst an einem
späteren Zeitpunkt des Dramas ausgelöst wird, vollzieht sich hier von
Anfang an in der Sprache, so dass dem Hörer die Introversion Ophelias
vielmehr als die Auflösung ihrer Gestalt in eine autonome Textstruktur
mit weitgehend verallgemeinerten Begriffen erscheint.
Das Hörspiel trägt als Motto folgendes Zitat aus "Hamlet": Polonius:
Was leset Ihr, mein Prinz?
Hamlet: Worte, Worte, Worte.
Polonius: Aber wovon handelt es?
Hamlet: Wer handelt?

Produktions- und Sendedaten
- Westdeutscher Rundfunk 1969
- Erstsendung: 08.05.1969 | 18'45