Originalhörspiel
Autor/Autorin:
Willy Haas
Die letzte Nacht des Johann Friedrich Merck
Monolog mit vielen Stimmen
Ein Versuch, der mir der Technik des heutigen Rundfunks besonders angemessen erschien: der Versuch, einen Monolog mit vielen Stimmen sprechen zu lassen, die den verschiedenen psychologischen Seiten einer komplizierten Persönlichkeit entsprechen. Ein komplizierter Mensch hat nicht nur eine 'innere Stimme', sondern viele; dazu kommt, daß auch noch die Stimmen vergangener Lebensalter, etwa seine Stimme als junger Mensch, als Kind usw. in ihm sind - das alles mag sich in einer entscheidenden Stunde seines Lebens besonders rein kristallisieren und voneinander abheben. Man könnte sich das wohl auch auf der Bühne denken ... aber hier würden die nebeneinanderstehenden Menschen, die doch nur e i n e n Menschen bedeuten, wohl eher irritieren; es ist schon eine Sache des Rundfunks. Literarisch sehe ich hier, ohne diesen ersten kleinen Versuch zu überschätzen, doch wohl eine Möglichkeit, der etwas verbrauchten Form des literarhistorischen psychologischen Essays neues Lebensblut zuzuführen. Und welches Objekt wäre dazu geeigneter gewesen, als dieser Mann, der selbst ein 'Essayist' in des Wortes reinster Bedeutung war, ein Waghalsiger, dabei ein Melancholiker, ein Mann des fragmentarischen Aperçus und der blitzhaften aphoristischen Erkenntnis, in formaler Hinsicht ein Vorfahre Nietzsches, der nur, durch die Zeitmode gezwungen, breitere geschlossene Werke, Romane, Novellen, Studien hinterließ, aus denen der heutige Leser sich das Improvisatorische seines Wesens wieder herstellen muß. Wir glauben gerne gewissen Andeutungen seines engsten Jugendfreundes Goethe und anderer Zeitgenossen, daß seine Person ungleich blendender gewirkt hat als sein literarisches Werk: denn wir können es aus diesen Werken von ziemlich unnotwendiger Abrundung und Fülle herauslesen. Von der Aufzählung der literarischen Quellen, die ich verwendet habe, möchte ich hier aus naheliegenden Gründen absehen. Es werden seine eigenen Werke zitiert, Romanstücke auf die Ich-Form gebracht, wo sie deutlich autobiographischen Charakter haben, geständnismäßige Stellen aus Kritiken uund Briefen usf. Wo Goethe die Figur senes Jugendfreundes als Modell verwertet hat - vor allem in 'Clavigo' und im Mephisto des 'Faust' - wurde versucht, die porträt-ähnlichsten Stellen herauszulösen: eine reine gefühlsmäßige Arbeit, für die der Autor alle Wohltaten der 'dichterischen Freiheit' für sich in Anspruch nehmen muß, obgleich ihm nichts ferner lag, als der geschmacklose Versuch einer 'dichterischen' oder 'dramatischen' Biographie." (Willy Haas: "Die letzte Nacht Johann Heinrich Mercks", in: Südwestdeutsche Rundfunk-Zeitung, 8. Jg., Nr. 10, 6.3.1932, S. 2; der Autor über sein Werk)
Weitere Informationen
Übertragung auch über die SÜRAG (Süddeutsche Rundfunk A.G.)

Produktions- und Sendedaten
- SÜWRAG - Südwestdeutscher Rundfunkdienst AG (Frankfurt am Main) 1932
- Erstsendung: 09.03.1932 | 20:30 Uhr
Livesendung ohne Aufzeichnung
Grundlage der Datenerhebung: Der Deutsche Rundfunk (Programmzeitschrift); Südwestdeutsche Rundfunk-Zeitung (Programmzeitschrift)
Rezensionen (Auswahl)
- E. K. B.: Der Deutsche Rundfunk, 10. Jg., Heft 12, 18.3.1932, S. 60.