Sendespiel (Hörspielbearbeitung), Musikalisches Hörspiel
Autor/Autorin:
Anonym
Der Tanz von Cölbigk
Singfabel (nach einer alten mitteldeutschen Volkssage)
Vorlage: Volkssage
Bearbeitung (Wort): Gerhart Herrmann Mostar
Weitere Mitwirkende
Musikalische Leitung: Friedrich Karl Duske
"Pfarrer Ruprecht lebt in Cölbigk mit seiner Tochter Mechtilde nicht so friedlich und idyllisch wie mit seiner bereits entschlafenen Frau. Seitdem er diese in die kühle Erde betten mußte, verdüsterte sich sein Gemüt: er empfindet daher das Leben als eine kaum noch erträgliche Last, unter der er oft fast zusammenzubrechen droht. Er wird immer verdrießlicher, störrischer, mürrischer und Mechtilde muß oft unter seinen Launen und seiner schlechten Stimmung leiden. Wie sehr verwandelte sich der bisher stets sanfte Seelenhirt, dem die Zornesader schwillt, als er von der starken Hinneigung seiner Tochter zu einem Bauernburschen Kenntnis erhält! Dieser musizierte einst vor dem Pfarrhaus und gewann durch die Lockungen seiner Klänge das Herz der Schönen. War väterliche Eifersucht oder war Mißmut an sich die Ursache seines jähen Ingrimms gegen den fröhlichen Bauernburschen, der ihm vielleicht seine Tochter einmal entführen könnte? Das Geläut der Weihnachtsglocken ruft die Gläubigen zur Messe. Die klirrenden Schläge der erzenen Klöppel erwecken in allen Herzen Widerhall, und alle Wege sind von zahllosen Mädchen, Frauen, Jünglingen, Greisen und Greisinnen schier übersät, die zum Gotteshaus eilen. Vor dem Bild der Mutter Gottes tröpfeln steile Kerzen ihre gelben Wachstränen hernieder; das Antlitz des Menschheitserlöseres leuchtet aus den Fenstermosaiken in den sieben Regenbogenfarben auf, das Licht der ewigen Lampe glimmt in mirakelhafter Andachtsglut. In ihren Kirchenbänken sitzen die Beter und Beterinnen mit verschränkten Händen und gläubigen Mienen: in den Fingern der Frauen klingen die Perlen des heiligen Rosenkranzes gegeneinander, und in die braunen Dämmerungen der Nischen zeichnen die Schatten der Pfeiler ihre mystisch verschwimmenden Umrisse ein. Der Pfarrer von Cölbigk kündet trotz selbst friedloser Seele: "Friede sei wieder im Himmel und auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" und jedesmal sinken bei seinem Gebetamen die Männer und Frauen der Gemeinde in die Kniee. Der alte Küster entlockt der Orgel immer gewaltiger und feierlicher aufrauschende Psalmen, aber plötzlich vernimmt man vor dem Gotteshaus eine andere, eine weltliche Musik. Der Pfarrer stutzt: auch seine Tochter Mechtilde erstaunt eine Weile. Sie ahnt jedoch bald in dem Spieler vor der Kirchentür ihren Geliebten, den Bauernburschen, und eilt zu ihm hinaus. Da stürmt der Pfarrer von der Kanzel ihr nach, stellt den Frevler, der die Andacht der Gemeinde durch seine buhlerischen Weisen entweihte, wütend zur Rede, verwünscht ihn sowie sein betörendes, satanisches Spiel und bittet Gott, er möge plötzlich die Erdspalten öffnen und den Missetäter in deren Finsternis versinken lassen. Der Fluch des Pfarrers geht in Erfüllung: die Erde verschlingt den Bauernburschen in ihrem dunklen Riesenrachen. Da graut dem Gottesmann und er fleht inbrunstvoll den Vater aller Irdischen um die Wiederkehr des Entsunkenen an. Der Bauernbursche kehrt zu den Lebenden zurück, und mit ihm erscheint auch segnend und als Versöhner aller menschlichen Zwistigkeiten der Sohn Gottes. Abermals läuten die Glocken zur Harmonie aller Seelen ihre Hallelujalieder, und abermals entführten die Engel der Liebe dem Satan eine Menschenseele." (N. N.: Die Sendung, 4. Jahrgang, Nr. 51, 16.12.1927, S. 27)
Weitere Informationen
Laut der "Programmgeschichte des Hörfunks in der Weimarer Republik. Hrsg. von Joachim-Felix Leonhard. München 1997. S. 1162" gehörten die Singfabeln Mostars zu den "Prototypen rundfunkspezifischer Kunst", bei denen die "Eignung des Hörfunks zur Vermittlung von Musik" genutzt wurde. Rainer Strzolka nennt die Singfabel "wesentlich" "für die Entwicklung des Hörspiels, weil hier erstmals die Wirkung einer am Wort orientierten Darstellung konsequent umgesetzt wurde" (Rainer Strzolka: Abriss zur Geschichte des Hörspiels in der Weimarer Republik. Hannover 2004. S. 120). Karl Block hat nur vereinzelt die Singfabeln Mostars unter Hörspielen, aber auch Sendespielen aufgeführt. Hier sind sie bisher nur, in der Regel Block folgend, in einer Auswahl dokumentiert. Bis 1929 sollen 30 Singfabeln Mostars ausgestrahlt worden sein.

Produktions- und Sendedaten
- MIRAG - Mitteldeutsche Rundfunk AG (Leipzig) 1927
- Erstsendung: 24.12.1927 | 16:00 Uhr
Livesendung ohne Aufzeichnung
Grundlage der Datenerhebung: Die Sendung (Programmzeitschrift)