ARD-Hörspieldatenbank


Originalhörspiel



Elfriede Jelinek

Todesraten


Komposition: Olga Neuwirth

Technische Realisierung: Hans Scheck, Susanne Herzig


Regie: Olga Neuwirth

"Eine alte Frau, die Annoncen aufgibt, in denen sie alleinstehende ältere Männer ohne Anhang sucht. Die bringt sie dann um, um sie zu beerben. Sie betreibt das Töten als Sport, indem sie, anstatt sich selber gefälligst anzustrengen, gefällig aussieht und in anderen, schon verfallenden, Körpern wütet. Ihr Sport ist also das Töten. Der junge Mann, Andi, ist einer, der den Schritt in den fremden Körper nicht getan hat. Er tollt dafür umso unbekümmerter im eigenen herum, stopft sich mit bunten Pillen voll, nur um selbst einen Körper wie sein großes Vorbild Arnie zu errichten. Er möchte sich selber gebären, Fleisch an sich anbauen, doch, indem er seine Muskeln aufbaut, baut er sich innerlich vollkommen ab. Sport, oh, wie so trügerisch! Da glaubt man, sich aufbauen zu können, und in Wirklichkeit baut man sich ab. Man darf eben nicht gegen die Natur vorgehen und dabei eine neue Natur schaffen wollen. In der Technik gilt nur als anwesend, was vorauszuberechnen ist. Die beiden Protagonisten haben mit sich der eine, mit anderen die andere, gespielt. Das kann schiefgehen. Nur das zählt, was ist. Die beiden haben aber weggeräumt was ist, der eine sich, die andere andere. Was ist nun zu behalten von den beiden? Die Gerichtsmediziner haben das Wort. Sie untersuchen den einen als sein eigenes Opfer, dann untersuchen sie die Opfer der anderen, der Frau. Dieser menschlichen Hybris steht, in der elektronischen Verarbeitung der beiden Textflächen durch die Komponistin Olga Neuwirth, eine Art abstrakter, mathematischer Entwurf gegenüber, der aus dem Verschwundenen quasi das wieder zur Rede stellt, was als einziges vorhersehbar, also faßbar gewesen wäre, wenn diese beiden Personen nicht vorzeitig eingegriffen hätten. Mittels der Berechenbarkeit von Amplituden, Attacken (wie der Klang ansteigt und abfällt), durch das ganze Frequenzspektrum also, das verwendet wird, setzt die Kunst, hier in endloser Wiederholbarkeit, den Entwurf eines experimentellen Befragens der Natur energisch durch gegen das Chaos des gemordeten, verfallenden, verfallenen Fleisches und zwingt sie, die Natur, damit, sich selbst von ihrer berechenbarsten Seite zu zeigen. Es wird etwas gemacht, damit wir etwas wissen. Indem wir die Toten sozusagen sicherstellen und damit letztlich: retten" (Elfriede Jelinek).

Olga Neuwirth, 1968 in Graz geboren, studierte am Elektroakustischen Institut und an der Hochschule für Musik und Gestaltung in Wien, Abschluß mit der Magisterarbeit "Über den Einsatz von Filmmusik in Lamour à mort von Alain Resnais". 1996 war Neuwirth Stipendiatin des DAAD in Berlin. Nach "Der Wald" (1989/90), "Körperliche Veränderungen" (1990/91), "Canon Of Funny Phases" (1992) und "Aufenthalt" (1992/93) ist "Todesraten" das neue gemeinsame Projekt von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek.

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Mitwirkende

Sprecher/SprecherinRolle/Funktion
Marianne HoppeSprecherin
Daniel MorgenrothSprecher

Musik: Uli Fusenegger (Kontrabass), Pierre-Stéphane Meuge (Saxophon), Ernesto Molinari (Bassklarinette), Burkhard Stangl (E-Gitarre)

 


Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Bayerischer Rundfunk 1997

Erstsendung: 27.06.1997 | 59'00


VERÖFFENTLICHUNGEN

  • CD-Edition: Col legno 1999


AUSZEICHNUNGEN

  • Hörspiel des Monats Juni 1997

Darstellung: