Originalhörspiel
Autor/Autorin:
Gerhard Rühm
Blaubart vor der Krummen Lanke
Regie: Gerhard Rühm
Weitere Mitwirkende
Sprecher/Sprecherin Rolle/Funktion Peter Lieck Blaubart Brigitte Coebel Selma Lagerlöf Inga Artmann La Jana Renate Reiche La Mara Barbara Stanek Helene Lange Constanze Harpen Sophie von La Roche Inge Blau Else Lasker-Schüler Maria Bardischewski Louise Lateau
"Das Hörspiel, das die sagenhafte Figur des Ritters Blaubart
verarbeitet, entwickelt sich aus der - im übrigens ungekürzten - auf
Band fixierten (O-Ton) U-Bahnfahrt vom Rüdesheimer Platz zur Krummen
Lanke (Endstation dieser Linie) in Berlin.
Die fiktive Situation dabei: ein Mann, der durch den gleichmäßigen
Rhythmus des Zuges, das undeutliche Gemurmel im Wagen, vor der
Endstation in einen Tagtraum verfällt, in dem er sich - vielleicht
animiert durch einige anonyme Mitfahrerinnen - mit der Figur des
Blaubart identifiziert. Zeit und Ort sind dabei aufgehoben - das Ganze
spielt in einem visionären Klangraum.
Als würde der Blick von einer nach der andern angezogen, wird jede
kurz seine imaginäre Partnerin, wobei ihre Anomymität ihm erlaubt, sie
in seiner Fantasie, in seinem Tagtraum, mit beliebigen Personen zu
besetzen. Es sind der Reihenfolge nach - natürlich werden es, der Sage
entsprechend, sieben -: Selma Lagerlöf, die Schönheitstänzerin La
Jana, die Musikschriftstellerin La Mara, die Frauenrechtlerin Helene
Lange, Sophie von la Roch, Else Lasker-Schüler und schließlich die
stigmatisierte Louise Lateau. Die Personifikationen stimulieren ihn zu
mehr oder weniger passenden Partnerrollen, die er jeder gegenüber
einnimmt: Kurt Laßwitz, Rudolf von Laban, Josef Lanner, Gustav
Landauer, Johann Caspar Lavater, Friedrich de la Motte Fouque, der
Heilige Laurentius.
Man bemerkt, alle Namen beginnen mit der Silbe "la". Sie entspringt
dem Namen Blaubart, wie die Figuren seinem Gehirn, und gibt somit der
Auswahl eine gewisse Motivation. In imaginäre Gespräche fließt
Automatisches ein (unbewusste Sprachproduktionen), Zitate aus schon
bestehenden "Blaubart"-Verarbeitungen (z. B. Tieck, Trakl, Eulenburg,
Offenbach, Bartok) sowie jeweils aus Werken von den oder über die
genannten historischen Figuren. Mit dem "ernüchternden" Ausruf der
Endstation "Krumme Lanke" bricht die Traumszene abrupt ab und mündet -
wieder ganz realistisch - im allgemeinen Verlassen des Zuges." (Rühm)

Produktions- und Sendedaten
- Westdeutscher Rundfunk 1973
- Erstsendung: 14.06.1973 | WDR 3 | 53'31