ARD-Hörspieldatenbank

Originalhörspiel



Wolfgang Graetz

Kurzer Prozeß



Regie: Oswald Döpke

"Es ist statistisch erwiesen, dass ein großer Prozentsatz derjenigen, die in Fürsorgeerziehung aufgewachsen sind, auch in ihrem späteren Leben wieder scheitern, gegen Gesetze verstoßen und der bestehenden Ordnung feindlich gesinnt sind. Die meisten Verbrecher haben ihre Laufbahn in Erziehungsanstalten begonnen. Daraus lässt sich schließen, dass die Betreffenden bereits prädestiniert waren. Wie schon die Volksweisheit sagt: Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will. Zwar ist auch ein ganz anderer Schluss möglich: Dass unsere Erziehungsanstalten Verbrecher produzieren. Doch dieser Schluss dient nicht der bestehenden Ordnung - und ist daher zu verwerfen. Zumal die Statistik ihre Daten pflichtgemäß zu systemkonformer Auslegung aufbereitet und ausgespuckt hat." So lautet einer der polemisch-distanzierten Einschübe in dem neuen sozial- und gesellschaftskritischen Hörspiel des umstrittenen Autors, das wir zur Diskussion stellen. Graetz verfährt hier bewusst plakativ, um an einem kaum differenzierten Einzelfall - dem Schicksal eines Fürsorgezöglings - die Problematik des Strafvollzugs und die pseudokaritativen Fürsorge- und Erziehungstendenzen zu demonstrieren, die den Gestrauchelten keine Chance lassen und darüber hinaus die zugrundeliegende Bewusstseinshaltung des ganzen Systems zu attackieren. Vergeblich rennt der Fürsorgeerzieher Rehwein dagegen an. Er resigniert, aber unter Protest. Seine anfängliche Absicht, die Zustände in einem Fürsorgeheim (parabelhaft verkürzt wie in "Hölle auf Sparflamme") realistisch abzuschildern, gab er nach mehreren Anläufen auf. "Was mir an Breite der Darstellung, an Panorama verlorengeht, habe ich versucht, durch frei rhythmisierte Zwischentexte auf andere Weise hineinzubringen. Außerdem, glaube ich, lockern sie den Handlungsablauf ein bisschen auf und relativieren die individuelle Story des Rehwein. Das heißt, ich meine das Gegenteil: Sie machen diese willkürlich gewählte Story zu einem Beispiel für etwas Prinzipielles."

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Mitwirkende

Sprecher/SprecherinRolle/Funktion
Rudolf Jürgen BartschSprecher
Marianne KehlauSprecherin
Ricarda BenndorfInge Rehwein
Herbert FleischmannDr. Rehwein
Magda HenningsFrl. Lange
Anne RottenbergerIngrid
Heidemarie BöhlkeGitta
Marlene RiphahnDirektorin
Kurt LieckWegerich
Ingrid LammerdingTelefonistin
Wolfgang EngelsMinisterialrat


 

Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Westdeutscher Rundfunk 1968

Erstsendung: 22.05.1968 | 32'20


Darstellung: