Ars acustica

Autor/Autorin: Mauricio Kagel

Erratische Blöcke

Radiostück aus akustischen Bildern

Komposition: Mauricio Kagel
Dramaturgie: Frank Halbig, Hans Burkhard Schlichting
Technische Realisierung: Daniel Senger, Wolfgang Rein
Regieassistenz: Benno Schurr

Regie: Mauricio Kagel

  • Weitere Mitwirkende

    Sprecher/SprecherinRolle/Funktion
    Rainer BockMann
    Corinna KirchhoffFrau
    Kirstin PetriTochter
    Hans-Peter HallwachsSenior
    Doris SchadeDame
    Ronald SpiessSprecher, kölsch
    Hubertus GertzenSprecher, badisch/schwäbisch
    Ursula IllertSprecherin, hessisch
    Doris WoltersSprecherin, fränkisch
    Lilly Marie TschörtnerSprecherin, berlinerisch
    Ayman Amro
    Marguerite Brisson
    Jaime Eduardo Araque Cepeda
    Wlodzimierz Garlicki
    Yuko Geiler
    Alexej Gloukhovskij
    Svetluse Groß
    Sarah van Loon
    Arlette Ni-Nkanga
    Tatjana Shuravel
    Franck Lamoureux
    Larissa Smirnova
    Andreas Szerda
    Olivia Toffolini

"Die diffusen Standorte, an denen man mittlerweile mit Hilfe der Mobiltelefone kommuniziert, sind längst keine privaten, sondern betont öffentliche Räume. Man könnte das als ein 'Kontinuum der Monologe mit austauschbaren Folien' bezeichnen. Zu den wesentlichen Merkmalen der üblichen Verwendung gehören der Tempowechsel der Gespräche, ihre oft störende Lautstärke und die Dichte der gleichzeitig stattfindenden Telefonate. Das Material der "Erratischen Blöcke" fußt auf realitätsnahen Situationen; dessen Darstellung verfolgt jedoch nicht das gleiche Ziel, sondern beschreitet genau den umgekehrten Weg: durch Zuspitzung bestimmter Zusammenhänge wird auf eine andere, ebenso mögliche Wirklichkeit hingewiesen. Die Orte und Räume der akustischen Bilder wechseln oft mit der Geschwindigkeit eines Feuerwerks, dies entspricht auch der globalen Verwendung des Handys, die zu einer vielfältigen Polyphonie sui generis geführt hat. Eine schnelle Abfolge der Informationen, Telefonsignale und musikalischen Ereignisse sind darum Grundmaßstab der Montage; Durchsichtigkeit jedoch bleibt das wesentliche Ziel dieser Arbeit. Als Kontrast zu der dominierenden Transparenz der Textur finden im Verlauf des Stückes, und zwar in fast regelmäßigen Abständen, Verdichtungen von relativ kurzer Dauer statt; sie basieren hauptsächlich auf der Gleichzeitigkeit von verschiedenen Fassungen eines Abschnitts. Eine Polyphonie der Richtungen und Bewegungen mittels Schritten, laufenden Rollbändern (wie in manchen Flughäfen üblich), Rolltreppen, Verkehrsmittel aller Art inklusive Pferdekutschen und Straßenbahnen wird unter anderem Grundlage der räumlichen Artikulation." (Mauricio Kagel) Das Handy fragmentiert die Wirklichkeit in viele kleine Gesprächseinheiten. Mauricio Kagel setzt eine Auswahl dieser Einheiten zusammen zu einer Partitur der Wirklichkeit: Es geht um die ganz großen und die ganz kleinen Themen, es geht um Arbeit, um Liebe, um Tod, um Sport und die Weltpolitik, es geht um den Seniorenverein und wie wer wann zu wem steht. Aber es geht auch um die Sprache an sich: Kagel filtert Sprachextrakte heraus, aus der alltäglichen und der individuellen Sprache, aus den immer wiederkehrenden Mustern der Telefonsprache und der Informationsübermittlung einer Welt, die immer auf Achse ist. Das Mobiltelefon selbst wird zum Instrument, an und mit dem Kagel die Sprache und Welt der Gegenwart untersucht.

Weitere Informationen
Mauricio Kagel, geboren 1931 in Buenos Aires, ist Komponist, Dirigent, Librettist und Regisseur. 1957 übersiedelte er nach Deutschland und lebt seitdem in Köln. 1969 wurde er dort zum Direktor des Instituts für Neue Musik an der Rheinischen Musikschule und, als Nachfolger von Karlheinz Stockhausen, zum Leiter der Kölner Kurse für Neue Musik ernannt. Kagel war Mitbegründer des Ensembles für Neue Musik in Köln und hat in den elektronischen Studios von Köln, München und Utrecht gearbeitet. Sein Schaffen hat in Theorie und Praxis nachhaltigen Einfluss auf künstlerische Entwicklungen in den Bereichen Neue Musik, Musiktheater, Film, Hörspiel, Performance und Akustische Kunst. In den 60er Jahren begründete er das Instrumentale Theater, das wie in seinem Werk "Staatstheater" durch ungewöhnliche Instrumentalisierung der Klangbereiche, der Bewegung des Lichts und der Szenographie neue Dimensionen der Darstellung erschloss. Zahlreiche Vortrags- und Konzertreisen führten ihn durch Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika. Viele seiner Arbeiten wurden mit internationalen Preisenausgezeichnet: Karl-Sczuka-Preis für "Ein Aufnahmezustand" (1970) und "Nah und Fern" (1995), Erasmuspreis (1998). Im Jahr 2000 wurde er mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. In der Spielzeit 2006/2007 war Mauricio Kagel "Artist in Residence" in der Philharmonie Essen.

Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel

Produktions- und Sendedaten

  • Südwestrundfunk / Hessischer Rundfunk 2008
  • Erstsendung: 06.05.2008 | SWR2 | 23:03 Uhr | 48'54

Rezensionen (Auswahl)

  • Eva-Maria Lenz: Drei richtige Glücksfälle. Hörspielpreis der Kriegsblinden für Paul Plamper. In: Frankfurter Allgemeine, 13.03.2009, S.35
  • Eva-Maria Lenz: epd medien. Nr. 40/41. 21.05.2008. S. 24f.
  • Diemut Roether: Plötzlich stimmt alles. Aus der Jury des 58.Hörspielpreises der Kiregsblinden. In: epd Medien, 14.03.2009, S.3

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