ARD-Hörspieldatenbank


Hörspiel



Miklos Hubay

Die Sphinx

übersetzt aus dem Ungarischen


Übersetzung: Stefan Romhanyi


Regie: Gustav Burmester

Zu seinem Hörspiel "Die Sphinx", eine eigenwillige, politischverschlüsselte Version des antiken Ödipus-Stoffs, an dem ihn vor allem das Rätsel der Sphinx faszinierte, hat Hubay einen ausführlichen Kommentar geschrieben. Er kam auf die Idee, Jokaste, die Mutter des Ödipus, zur Sphinx von Theben zu machen, die diese institutionalisierte Funktion aus politischen und persönlichen Gründen ausübt. In seiner Einführung erläutert der Autor, welche Überlegungen ihn veranlassten, diesen zunächst verblüffenden Schluss zu ziehen und durch eine chiffrierte Deutung das Geheimnis der Sphinx zu entmystifizieren und das Ende ihres terroristischen Zaubers als "Abschied von den Requisiten" zu definieren: "Die rätselstellende Sphinx ist selbst ein ewiges Rätsel. Wir wissen, dass sie sich umbrachte, als Ödipus bei ihr war. Ihre Funktion bestand darin, die zu ihr kommenden Fremden nach dem unter vier Augen geführten Dialog zu töten. Oft hat man sie mit den Gebeinen niedergemezelter junger Männer dargestellt. Ödipus aber tötete sie nicht. Im Gegenteil: Nach dem Zwiegespräch brachte sie sich selber um. Mit diesem Selbstmord bahnte sie Ödipus den Weg zum Thron und - ins Bett seiner Mutter. Der Ödipus-Komplex und der Sphinx-Komplex gehören zusammen; denn kein Familienfluch der Labdakiden, keine Unterweltsfügung, keine mit Orakeln spielende Gottheit, kein falscher Mechanismus ist so sehr für Ödipus' Sünde verantwortlich, wie die Sphinx selbst, die ihn auf dem verhängnisvollen Weg hätte aufhalten können und statt dessen gerade diesen Weg für ihn frei machte. Obwohl sie alles gewusst hat. Erstens deshalb, weil sie allwissend oder fast allwissend war. Zweitens, weil sie ihre Besucher ausfragte. So auch Ödipus. Wer also war diese Wunderspinne, die ihre Opfer in dem Netz metaphysischer Probleme einfing? Und ihr Äußeres? Löwenkörper, Greif-Vogel-Flügel, Metallbrüste und riesiger ägyptischer Kopfschmuck. Das lässt auf Gaukelei der Schamanen schließen. Denn dieses gefürchtete und seltsame Ungeheuer war, wenn man seine Funktion untersucht, ein überaus wichtiges Instrument der Staatsgewalt, eine Art Fremdenpolizei, die die nach Theben kommenden Touristen ins Kreuzverhör nahm. Aber wenn dies ihre Funktion war, warum hat sie beim Erscheinen des Ödipus versagt? Und warum hat sie all dies mit ihrem Selbstmord, mit dem mutigen Sprung in die Tiefe gekrönt, der zugleich auch Thebens Sensation, dem Sphinx-Kult und der Sphinx-Panik, ein Ende setzte? . Der Dramatiker, der dem Löwenfell der Sphinx nur mit - seinem Handwerk gemäßen - kriminalistischen Methoden beikommen kann, entdeckt darunter eine 30- bis 35jährige Frau - und diese Frau ist Jokaste, die Königin. . Nur sie hat Ödipus so sehr geliebt, dass sie für ihn zu allem bereit war. Bereit auch, die Fremde wie Einheimische terrorisierende Maschine Thebens zur Hölle fahren zu lassen. Sie musste handeln. Es ging um das Leben ihres Sohnes.

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Mitwirkende

Sprecher/SprecherinRolle/Funktion
Nicole HeestersJokaste, Königin von Theben
Kurt ErhardtTeiresias, blinder Prophet
Christoph QuestOidipus


 


Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Westdeutscher Rundfunk 1968

Erstsendung: 24.04.1968 | 39'30


Darstellung: