ARD-Hörspieldatenbank


Feature



Karl Corino

Schürflizenz für ins Grab mitgenommene Geheimnisse

Die Recherchen zur Biographie Robert Musils


Technische Realisierung: Wilfried Hauer, Susanne Herzig

Regieassistenz: Christina Hänsel


Regie: Karl Corino

Durch den Verlust von Robert Musils Wiener Nachlass gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, durch die Vernichtung seiner Bibliothek, seiner Familienpapiere, seiner gesamten Korrespondenz bis 1938, seines Foto- und Zeitungsausschnitt-Archivs, aufgrund der Zerstreuung seiner exilierten Freunde über die ganze Welt war die Situation für den Biographen ziemlich schwierig. Andererseits zeigten die erhalten gebliebenen Papiere Musils, dass sein Werk in eklatanter Weise autobiographisch geprägt war - Musil hat weniger erfunden als gefunden und das Material des eigenen Lebens wie das seiner Familie und Freunde in sein episches und dramatisches Werk transformiert. So kaschierte er mitunter die Namen der realen Vorbilder für seine Figuren (wie z. B. im Törless) nur minimal, machte freizügig von den prekären Schicksalen seines Jugendfreundes Gustav Donath und dessen psychisch kranker Frau Alice Gebrauch, und gleichzeitig hat er viele Spuren ebenso sorgfältig verwischt. Wenn man diesen Geheimnissen auf die Spur kommen wollte, hatte man die Archive vieler Länder zu durchforsten und mit den Augenzeugen zu sprechen, ihre Erinnerungen festzuhalten. Man hatte die Schauplätze dieses Poeten-Lebens aufzusuchen; man durfte die Friedhöfe nicht meiden. Denn bisweilen führte nur von den Gräbern eine Spur zurück ins Leben. Beispiel: die Familiengruft der Boyneburgs in Klagenfurt, die eine Fährte zu dem mystisch bramarbasierenden Bösewicht Beineberg im Törless legte. Ein Biograph darf prinzipiell kein Erkenntnismittel verschmähen, selbst die Kriminalistik darf nicht zu kurz kommen. Die Quarzlampe kann die schwarzen Balken familiärer Zensur in bestimmten heiklen Dokumenten sichtbar machen, und wo Wissenschaft und Technik versagen, muss unter Umständen der Zufall weiterhelfen, der in Witwenmäntel eingenähte Manuskripte plötzlich wieder ans Tageslicht befördert. Freilich gibt es Grenzen, die nicht oder nur mit größter Mühe zu überschreiten sind: wenn etwa Augenzeugen aus Verbitterung oder aus Diskretion die Auskunft verweigern oder wenn durch die Ungunst der Verhältnisse sämtliche bürgerlich beglaubigten Lebensspuren eines Menschen, etwa von Musils früh verstorbener Lebensgefährtin Herma Dietz ("Tonka"), verloren gegangen sind. Mitunter bleiben dann nur Hypothesen und Mutmaßungen. Aber sie sind bekanntlich, nach Musil, das Mut-Maß.

Carl Corino, geboren 1942 in Ehingen, Mittelfranken, promovierte 1969 über das Frühwerk Robert Musils. 1985-2002 war er Leiter der Literaturabteilung des Hessischen Rundfunks. Zu seinen Publikationen gehören u.a. "Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten" (1988) und "Robert Musil. Eine Biographie" (2003).

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Mitwirkende

Sprecher/Sprecherin
Karl Corino
Achim Höppner
Detlef Kügow
Beate Himmelstoß


 


Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Bayerischer Rundfunk 2004

Erstsendung: 22.11.2004 | 58'18


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