ARD-Hörspieldatenbank


Originalhörspiel, Originaltonhörspiel



Thilo Reffert

Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle (Langfassung)

O-Tonhörspiel zum 9. November


Komposition: Cornelia Friederike Müller

Technische Realisierung: Holger König

Regieassistenz: Corinna Waldbauer


Regie: Stefan Kanis

"Ein stabiles und absolut wetterfestes Stahlschiebedach empfehlen wir solchen Kunden, die neben den Annehmlichkeiten, die ein Cabriolet bietet, die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle nicht missen möchten." Das Auto, das mit solchem Prospekt-Charme angepriesen wurde, brauchte eigentlich keine Reklame, denn es war in der geschlossenen Gesellschaft der Fahrgastzelle DDR ebenso hochbegehrt wie langerwartet: der "Wartburg 353".Und es war eben dieses Symbol der Mangelgesellschaft, das in den Abendstunden des 9. November 1989 Geschichte schrieb - oder zumindest dabei behilflich war. Das war, nachdem die Magdeburger Ärztin Dr. Annemarie Reffert und ihre damals fünfzehnjährige Tochter Juliane in den "heute"-Nachrichten des ZDF die Meldung des Tages erfahren hatten: "dass von sofort an DDR-Bürger direkt über alle Grenzübergäänge zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland ausreisen dürfen." Als wenige Minuten später die "Aktuelle Kamera" das Unglaubliche bestätigt hatte, beschlossen Annemarie und Juliane Reffert, etwas zu wagen, was diesem Herbst und ihrer aller Aufwachen aus Ohnmacht und Lethargie den Punkt auf's i setzen musste: Sie stiegen in ihren "Wartburg" und fuhren die knapp sechzig Kilometer zur Autobahn-Grenzübergangstelle Marienborn - Helmstedt. Nicht, dass sie dort im Westen etwas vorgehabt hätten oder dort bleiben wollten. Worum es ihnen ging, war "nur" die Probe aufs Exempel. Wenn die Staatsgrenze West - als "Mauer" der Inbegriff aller staatlicher Repression - auf einmal ihre jahrzehntelange Undurchdringlichkeit eingebüßt haben sollte, dann wollten sie sich am eigenem Leibe davon überzeugen. Nicht mit von der Partie bei dieser kurzentschlossenen "Wartburg"-Fahrt über die Bühne der Weltgeschichte war Annemarie Refferts Sohn Thilo. Statt den ultimativen Augenblick der Befreiung mitzuerleben, steckte er in der Kaserne, wusste von nichts. Ganz abfinden damit kann er sich noch nach zwanzig Jahren nicht. Etwas wie eine stets unerfüllte Sehnsucht treibt ihn um: in irgendeiner Form nachzuholen, was er damals verpasst hat. Könnte man nicht diesen unwiderruflich vergangenen Moment noch einmal so gründlich und genau, so handgreiflich aus der Erinnerung holen, dass man wenigsten im Nachhinein doch noch "dabeigewesen" ist?

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Mitwirkende

Sprecher/Sprecherin
Matthias Matschke
Juergen Schulz


 


Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Mitteldeutscher Rundfunk 2009

Erstsendung: 09.11.2009 | 56'57


AUSZEICHNUNGEN

  • Hörspiel des Monats November 2009
  • Hörspielpreis der Kriegsblinden 2010
  • Nominiert für den Deutschen Hörspielpreis der ARD 2010
  • Deutscher Hörspielpreis der ARD 2010
  • ARD Online Award 2010


REZENSIONEN

  • N. N.: Funk-Korrespondenz. Nr. 50. 11.12.2009. S. 34
  • Hörspielpreis der Kriegsblinden für Thilo Reffert. In: dapd, 17.03.2010
  • N.N.: Der Aufbruch. Thilo Reffert gewinnt Hörspielpreis. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.03.2010, S. 35.
  • N.N.: Hörspielpreis der Kriegsblinden für Stück über den Mauerfall. In: epd medien 20.03.2010, S. 14.
  • Eva-Maria Lenz: Ein weltbewegender Tag. In: Funkkorrespondenz 27.03.2010, S. 7.
  • Thomas Irmer: Zwischen Küchenschrank und Weltgeschichte. In: Theater heute 01.04.2010, S. 70.

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