ARD-Hörspieldatenbank


Originalhörspiel



Hubert Wiedfeld

Der Sprung vom Trottoir (2. Teil)


Redaktion: Peter Liermann

Dramaturgie: Peter Liermann

Künstlerische Aufnahmeleitung: Christoph Müller

Technische Realisierung: Thomas Rombach, Julia Kümmel

Regieassistenz: Marie Lilli Beckmann


Regie: Alexander Schuhmacher

Leo Raat steht mächtig unter Druck. Eine geplatzte Verabredung im K20 in Düsseldorf, anschließend Rückfahrt nach Hamburg im gediegenen "Metropolitan Express Train", dort eine kleine Pokerrunde, Personal wie aus dem Baumarkt. Das war alles! Was kann da schon passiert sein? Und doch ist nichts mehr wie zuvor. Kreative Höchstleitung war gefordert, keinerlei Denkverbote. Was ist schon dabei, für Geld ein paar Geschichten zu erfinden. Die Carrels in den Lesesälen der Bibliothek, komplett gemietet von einer Scheinfirma, einer Zwietasch-Firma, belegt von Figuren wie Leo und Lachnit; der eine schreibt Geschichten, der andere malt sie. Möglichst realitätsnah, Film vielleicht? Für Worath war Leo der rasende Fahrradkurier, der dessen Kinos mit den entsprechenden Filmrollen rechtzeitig zum Aktwechsel versorgte. Dass die Geschichte mit den pontinischen Hunden für Quasts HHV (Hamburger Hundeverwertung) zu reichlich Existenzgründungsknete gereichte, wusste er nicht. Doch das Projekt zur Stabilisierung "randständiger Figuren mit grenzwertigem Rechtsempfinden" scheiterte, Biomehl statt Koks, und Quast landete im Knast. Wie kann man so naiv sein? Rumgespinne … mehr nicht. Doch Leo begreift immer noch nicht ...

Die Hansestadt feiert ihren 840. Hafengeburtstag: Hamburg – Offene Stadt, und der Union Jack flattert über den Dächern. Versteckte, geheimnisvolle Botschaften auf Filmrollen: Die Staatsverschuldung hat eine unverantwortliche Größenordnung erreicht. Es droht Zahlungsunfähigkeit, Insolvenz. Was ist zu tun? Die Staatsverschuldung muss ganz einfach auf viele Schultern umverteilt werden. Alternativlos! Bemessungsgrundlage dafür ist die bestehende Prokopf-Verschuldung, derzeit 25 T€. Jeder Staatsbürger schuldet also seinem Staat mit sofortiger Wirkung dieses Geld. Als Ausgleich erhält er dafür je eine mit 25T€ Euro börsenfähig und mündelsicher verbriefte neue Staatsbürgerschaft, über die er frei verfügen kann. Die alte durch Geburt oder Einbürgerung erworbene erlischt. Der Staat veräußert die Forderungen, die er gegenüber seinen Schuldnern hat, an ein grundsolides Bankenkonsortium und bezahlt mit dem Geld seine Schulden. Die Bürger schulden, persönlich haftend, den Banken nun dieses Geld. Die Banken stellen die ihr vom Staat überlassenen Forderungen an die Staatsbürger fällig. Diese dürfen nun zeitnah die Schuldtitel aus ihrem eigenen Vermögen bedienen. Wer dies nicht kann oder will, muss seine verbriefte Staatsbürgerschaft zum Nennwert an die Banken verkaufen, um mit dem Erlös seine Schulden begleichen zu können. Eine faire Lösung. Wer keine Staatsbürgerschaft mehr sein Eigen nennen kann, ist folglich staatenlos. Doch auch dafür ist gesorgt: Colonia materna, ausschließlich biologisch-dynamische Land- und Viehwirtschaft durch die staatenlosen Siedler; das staatlich verwaltetes Mutterland Haidmark finanziert sich durch den Verkauf der landwirtschaftlichen Produkte selbst. Und jeder Mutterlandbewohner kann seine verbriefte Staatsbürgerschaft zum Tageskurs zurückerwerben und in sein Vaterland zurückkehren ... genial, infam, perfide. Wiedfelds letztes, noch zu Lebzeiten beendetes Radiostück entwirft ein düsteres, labyrinthisches und wildes Hamburg, in dem "Radio Schweinesand" in Gestalt von Chamisso, polynesischer Barbier mit dem zweiten Gesicht, den klandestinen Cicerone gibt. Ein komplexer, unheimlicher "radio-noir" mit immer neuen Wendungen, diskontinuierlichen Zeitebenen und einer keineswegs utopischen Zukunftsperspektive, dass einem angst und bange werden kann.

Hubert Wiedfeld (1937–2013) schrieb über dreißig Radiostücke – die zumeist große künstlerische Herausforderungen an das Hörspiel stellten und zahlreiche Auszeichnungen erhielten – einen Roman, zwei Theaterstücke und ein Drehbuch. Bekam 2011 den Günter-Eich-Preis für sein Lebenswerk.

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Mitwirkende

Sprecher/SprecherinRolle/Funktion
Sebastian RudolphLeo Raat
Thomas ThiemeZwietasch
Bettina EngelhardtElisabeth Rotwang
Karim CherifSenegal
Berthold ToetzkeWorath
Gerd WamelingQuast
Sandra BorgmannMarion Leistikow
Heinrich GiskesLachnit
Barbara NüsseHenny Zirnstein
Thomas AnzenhoferChamisso
Kleber Valim
Bastian Korff
Uwe Klörs
Steffen Happel
Robert Will
Paula König
Altine Emini

Sonstige Mitwirkende
Cordula Huth


Kleber Valim spricht die Rolle des portugiesischen Cafetiers. | © HR/Ben Knabe

Kleber Valim spricht die Rolle des portugiesischen Cafetiers. | © HR/Ben Knabe

Kleber Valim spricht die Rolle des portugiesischen Cafetiers. | © HR/Ben Knabe
Regisseur Alexander Schuhmacher, Sebastian Rudolph in der der Rolle de Leo Raat und Kleber Valim als portugiesischer Cafetier (v.l.). | © HR/Ben Knabe
Sebastian Rudolph spricht die Rolle des Leo Raat. | © HR/Ben Knabe

Sebastian Rudolph spricht die Rolle des Leo Raat.
© HR/Ben KnabeSebastian Rudolph spricht die Rolle des Leo Raat.
© HR/Ben Knabe



PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Hessischer Rundfunk 2017

Erstsendung: 03.01.2018 | hr2 | 84'43


AUSZEICHNUNGEN

  • Hörspiel des Monats Dezember 2017


REZENSIONEN

  • N. N.: Hörspiel des Monats: "Der Sprung vom Trottoir". In: Medienkorrespondenz vom 26.1.2018. S. 42.
  • Jochen Meißner: Bilderwelten im Dreivierteltakt. In: Medienkorrespondenz vom 26.1.2018. S. 44.

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