ARD-Hörspieldatenbank


Originalhörspiel



Rudolf Herz, Julia Wahren

Desperados oder Hitler geht ins Kino


Komposition: Michael Emanuel Bauer

Redaktion: Katarina Agathos


Regie: Julia Wahren, Rudolf Herz

Ein Soldat sitzt im Kino. Er und seine Kameraden haben Freikarten für die Pressevorführung bekommen. Desperados, ein Stummfilm wie ein Schauermärchen, erzählt von den Machenschaften der 'Spartacisten' - und von ihrem blutigen Ende. Das kann dem Soldaten nur recht sein. Er gehört zur Propaganda-Abteilung der Reichswehr. Sein Name: Adolf Hitler. Mit dieser Hypothese haben die Münchner Künstler Rudolf Herz und Julia Wahren das Hörspiel Desperados oder Hitler geht ins Kino geschrieben: ein Spiel mit Fakten, Spekulation und Assoziation, historischem Diskurs und erfindungsreicher Suggestion. Anarchisten unterwandern die Arbeiterschaft, rauben und entführen, schüren Aufstand - und am Ende werden sie von Arbeitern erschlagen: so der antibolschewistische Propagandafilm Desperados, 1919 in München gedreht. Finanziert wurde er von zwei Ministern der Regierung Eisner - sicher ohne dessen Wissen. Ein Verrat der sozialdemokratischen Führer an Revolution und Rätebewegung. Als der Film in die Kinos kommt, ist seine makabre Vision schon Geschichte: Die bayerische Räterepublik ist blutig niedergeschlagen. Moralisch diskreditiert auch.

Der Film ist verschollen und war vergessen. Nun sind Stills, Treatment und Dokumente wieder da: ein Fund, der die Perspektive auf Revolution und Gegenrevolution in Bayern schärft.

Das Hörspiel umreißt die Handlung des Films, einer echten Räuberpistole. Rudolf Herz beleuchtet das Werk und seine Entstehung. Filmstills werden per Audiodeskription vor dem inneren Auge des Zuhörers sichtbar. Im Dialog mit der Stimmkünstlerin Julia Wahren bespielt der Schlagzeuger Zoro Babel Metall, Werkzeuge, Maschinen; der Klang oszilliert zwischen Konkretion und Abstraktion - generiert aus Material, das zur Herstellung der Weltkriegs-Maschinerie gedient haben könnte. Rudolf Herz und Julia Wahren untersuchen die Rhetorik einer Propaganda, die Münchens Aufstieg zum "Mekka der Rechten" forcierte. Das Hörspiel spiegelt Recherche, Fakten und Spekulation und versinnlicht ein historisches Thema von großer Tragweite, reich an Bildern und freier Assoziation.

Rudolf Herz, geb. 1954 in Sonthofen, Bildhauer und Medienkünstler. Lehrtätigkeit an der Münchner Kunstakademie. Bildhistorische Forschungen u.a. zur Münchner Revolution. Publikationen u.a. München. Fotografie und Revolution 1918/19 (mit Dirk Halfbrodt, 1988), Lenin on tour (2009), Marcel Duchamp - Le Mystère de Munich (2012), Zugzwang. Duchamp Hitler Hoffmann (2014). Weiteres BR-Hörspiel Der kalte Sommer 1912 (2012).

Julia Wahren, geb. 1968 in Hannover, Regisseurin und Musikerin. Gemeinsame Projekte mit Rudolf Herz Vazaha (kuratorischer Film, Kunstverein Heidelberg 2013), OX NO OX (Film, 2016).

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Mitwirkende

Sonstige Mitwirkende
Matthias Kupfer, Herbert Schäfer, Julia Wahren

Musik: Karina Erhard (Flöte), Christopher Varner (Posaune), Andreas Hinterseher (Akkordeon), Zoro Babel (Percussion)

 


Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Bayerischer Rundfunk 2018

Erstsendung: 09.11.2018 | Bayern 2 | 47'06


REZENSIONEN

  • Stefan Fischer: Filmriss. In: Süddeutsche Zeitung vom 9.11.2018. S. 31.

Darstellung: