ARD-Hörspieldatenbank


Originalhörspiel



Eva-Maria Alves

90. Geburtstag


Komposition: Sabine Worthmann

Redaktion: Michael Becker

Technische Realisierung: Corinna Gathmann, Nicole Graul

Regieassistenz: Simon Hastreiter


Regie: Christiane Ohaus

Eine Geburtstagsgesellschaft ist in einem Gartenlokal versammelt, es ist der 28. August, der 90. Geburtstag des Jubilars. Die Gäste sind teils uralt: Weggefährtenund Weggefährtinnen, auch eine ehemalige Geliebte, jetzt 89 Jahre alt, ist zugegen. Aber auch seine Mitarbeiter:innen, jüngeren und mittleren Alters sind anwesend. Die Gespräche kreisen um den noch Abwesenden. Man hört mal in diese, mal in jene Gruppe hinein und schnappt dies und das auf, Disparates, Assoziatives, Nebensächliches, scheinbar Beliebiges. Und doch setzt sich allmählich aus all diesen Gesprächsfetzen das Bild einer Figur zusammen, ein langes Leben bekommt Konturen. Eine abwesende Persönlichkeit wird in den Gesprächen über sie lebendig. "Helga: Schlüsselwörter - Margot: Resümee - Gisela: mots-clés - Margot: ein Hustenanfall, den man noch im Ohr hat nach 50 Jahren - Helga: her mit dem Hustenanfall." Jahrzehnte lang war der Jubilar Leiter einer Psychiatrie, und seine Mitarbeiter benennen seine besonderen Behandlungsmethoden, seine durchaus autoritäre Art, seine Schrullen, seine Vorlieben. Starker Raucher, Geistesmensch, der sich gerne reden hörte, Pünktlichkeitsfanatiker und und und. Mit dem Leben des Neunzigjährigen wird auch ein Zeitalter besichtigt. Sein Leben wurde geprägt durch den Militärdienst im Zweiten Weltkrieg, wo er, in Brest stationiert, als junger Mann wesentliche Erfahrungen machte. (Jacques Préverts Chanson "Rappelle-toi, Barbara" , der die Begegnung eines Soldaten mit einem Mädchen schildert, durchzieht daher leitmotivisch das Hörspiel.) Eine starke Figur steht im Zentrum, die jedoch immer nur von außen umrissen wird, in ihr Inneres dringt man nicht vor. Sie selbst tritt nicht in Erscheinung. Vielleicht ist er sogar schon tot? Die Gäste haben aber dennoch einen Abend mit ihm verbracht. "Dr. Matthias: wir erschaffen ihn in seiner Abwesenheit - Dr. Jakob: wir erschaffen ihn aus seiner Abwesenheit - Tarek: hä? - Gisela: briller par son absence - das war, immer schon, seine Art zu erscheinen. Durch Abwesenheit anwesend zu sein, zu glänzen."

Eva-Maria Alves, geboren 1940 in Osnabrück, Journalistin und freie (Rundfunk-)Autorin, lebt in Hamburg. Aufenthalte in Prag, Wien, Moskau. 1993 Literaturpreis der Stadt Hamburg. Lebt in Hamburg. Veröffentlichte u. a. "Versuch einer Vermeidung" (1981), "Die Bleistiftdiebin" (1996), "Eisfrauen" (1996). Zuletzt erschienen "Unter Teufel" und "Unter Engeln" (2014). Hörspiele u.a. "Alstervergnügen" (NDR 1989), "Die wilde Braut" (SR/RB 2004). Eva-Maria Alves verstarb im Oktober 2021.

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Mitwirkende

Sprecher/SprecherinRolle/Funktion
Barbara NüsseHelga
Ulla EvrahrMargot
Margot GödrösGisela
Wolf-Dietrich SprengerNorbert
Michael HanemannRobert
Friedhelm PtokHerbert
Maja SchöneIlka
Samuel WeissDaniel
Martin EnglerTarek
Lee Antoni NaschkeMädchen
Jonathan BellingenJunge 1
David BellingenJunge 2
Astrid MeyerfeldtDr. Kathrin
Jessica Walther-GaboryMarie
Jonas MintheDr. Jakob
Matthias BundschuhDr. Matthias

Musik: Grégoire Blanc (Theremin; Tasteninstrument)

 


Quellen zum Hörspiel - © DRA/Michael Friebel


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Norddeutscher Rundfunk 2022

Erstsendung: 06.07.2022 | NDR Kultur | 73'10


REZENSIONEN

  • Stefan Fischer: Blumen des Bösen. Drei Hörspiele, drei Lebensbilanzen: In unterschiedlichen Tonlagen rechnen fiktive Figuren und reale Personen radikal ab. In: Süddeutsche Zeitung vom 07.07.2022. S. 31.

Darstellung: