ARD-Hörspieldatenbank


Sendespiel (Hörspielbearbeitung)



Hermann Kesser

Schwester Henriette

Ein Hörspiel


Vorlage: Schwester (Novelle)


Regie: Hellmuth Habersbrunner

"Achtung! Endlich ein Hörfilm eigener Art, ein Hörfilm der seelischen Begebenheiten, in denen sich äußere Vorgänge spiegeln! Was wir hören werden? Wir werden hören, dass die Schwester Henriette, die von der Vorgeschichte eines Mordprozesses viel weiß, von dem spricht, was in der Nacht und am Morgen vor ihrer Vernehmung in ihr vorgeht. Nicht, dass sie erzählt. Sie hat ja das, was geschehen ist, bevor der Verstorbene an das Wasser ging, aus dem er dann herausgefischt wurde, nicht selbst gesehen oder nur wenig davon, nur das, was sich im Krankenhaus auf ihrer Station abspielte. Sie hat auch nichts von dem gesehen, was er zu Hause erlebt hat mit seiner gleichgültigen, kalten Frau. Sie hat erraten. Sie hat alles erraten, was in ihr Widerhall fand und was sie dem Gesicht des Mannes, den sie lieb gewann und der dann tot aufgefunden wurde, ablesen konnte. Sie hat auch den Arbeiter am Kai des Flusses und das Mädchen in der Anlage erraten, bei denen sich das Eigentum des Toten später vorfand. Hat sie von innen her, aus seinem Inneren heraus erraten. Von allem wird sie sprechen, nicht nur was sie wirklich sagt, sondern die ganze Zeit alles, was sie denkt und weiß, bevor sie etwas sagen muss. Sie wird das zum Teil in ihrem Zimmer auf der Klinik, dann auf der Bahn, dann im Schneiderladen, im Auto auf der Straße, im Gerichtssaal und im Nebenzimmer des Gerichtssaals sprechen. In einer Wandeldekoration sozusagen. Das ist das Neue an dieser verfunkten Novelle, dass sie nicht in ihren äußeren Begebenheiten verfunkt, nicht realistisch vergröbert ist, sondern aus einem Menschen heraus, subjektiv verfunkt. Ein ganz wichtiges Ereignis für alle Funkstilsucher: Keine abgelauschte Deulig-Woche, keine Reportage, keine Illusion von "wirklichem" Geschehen, sondern sinnvolle Spiegelung in einem Menschen, und diese gesprochen im Rahmen der Geräusche, die nicht die Ereignisse, um die es sich handelt, umgeben, sondern das Gefühl des Menschen beeindrücken, der sich an die Ereignisse erinnert, sie sich vorstellt.. Das ist höchst künstlerisch gedacht. Das Programm sagt nicht, wer das gemacht hat. Sie oder er - ich möchte fast meinen, dass es eine Frau gemacht hat - verdient genannt zu werden. Es werden doch sonst so viele Namen genannt. Jedenfalls wird Nora Gregor diesen Monolog der Erlebnisse sprechen. Und ihr Name verspricht einen bedeutenden Abend. Wenn es ihr gelingt, die Wahrheit der Tatsachen, die dahinter stehen, aus dem Gefühl der Schwester Henriette herauszuholen, die subjektive Wahrheit, die mehr ist als alle physikalische Wirklichkeit. Also nochmals: Achtung! Hier gibt es etwas von Grund aus Hörbares. Und kann es etwas Funkischeres geben?" (Bayerische Radio-Zeitung. Heft 33 vom 11. August 1929. S. 2-3) Den Pressetext zieren drei Illustrationen des Grafikers Alfred Burkart.

"Privatdozent Dr. Engelbrecht, in letzter Zeit in der psychiatrischen Klinik in Pflege, ist in der Nähe einer Brücke ertrunken. Seiner Beobachtung war Schwester Henriette anvertraut, unbemerkt hatte er die Klinik verlassen. Der Arbeiter Ruhemann war der letzte, der mit Dr. Engelbrecht gesprochen, und der, im Besitz von des Doktors Uhr samt Kette, natürlich verdächtigt und in Gewahrsam genommen wurde. Der Arbeiter behauptete, Dr, Engelbrecht zufällig getroffen zu haben. Er habe ihn nach der Uhrzeit gefragt, Ruhemann habe keine Uhr besessen, dies dem Doktor mitgeteilt, worauf ihm dieser seine Uhr samt Kette geschenkt habe. Er habe sich nur nach seinem Namen erkundigt, ihm dann den Rücken gekehrt und auf den Anruf des Arbeiters hin: "Ihre Uhr Herr!" mit den Worten: "Gehört Ihnen, weiß alles!" geantwortet und sei wie ein Blinder die Böschung hinab gegen das Wasser getaumelt. Schwester Henriette ist die einzige Entlastungszeugin, sie weiß, daß Engelbrecht Selbstmord beging, um nicht mehr zu seiner Frau zurückkehren zu müssen. Sie hat es nicht verhindert und fühlt sich deshalb mitschuldig an diesem Unfall. Vor Gericht muß sie Zeugenschaft ablegen und nur zögernd erklärt sie, daß ein Selbstmord bei Dr. Engelbrecht durchaus möglich sei, sie aber keinerlei Beweise dafür habe. Nach Hause zurückgekehrt, will sie aus ihrem Schuldgefühl heraus auch ihrem Leben ein Ende machen, da erreicht sie die Nachricht, daß der Arbeiter Ruhemann auf ihre Aussage hin freigesprochen wurde, und so kann sie wieder weiterleben.  (Der Deutsche Rundfunk. 7. Jahrgang. Heft 32 vom 09. August 1929. S. 1030)

"Der Funkmonolog mit Wandelkulisse. -  Die Erstaufführung der verfunkten Novelle "Schwester Henriette" am 12. August war ein Erfolg, schauspielerisch und regietechnisch. Ein Erfolg, der zu allermeist der Sprechkunst von Nora Gregor und dann der behutsamen Vorbereitung durch Hellmuth Habersbrunner zu verdanken ist. Was an der Vollendung fehlte, muß aus einigen Stilschwankungen des Manuskripts verstanden und technisch auf das Konto Experiment gebucht werden. Auf dieses Konto gehört auch der Umfang des Monologs, der bei strengerer Anwendung funkischer Erfahrungen wahrscheinlich noch um einiges hätte verringert werden müssen. Lesetempo ist nicht Hörtempo, Leseverständnis nicht Hörverständnis. Fünf gehörte Worte, eindrücklich gesprochen, geben ebensoviel Inhalt und Zeit wieder wie einige gelesene stumme Zeilen. Diese Erfahrung hätte, wohlangewandt, jene drohende Ermüdung vermieden, die die Hörer wohl gegen Ende haben nahen fühlen. Das ist das einzige, was ich an der Aufführung als Ganzes im Interesse derer auszusetzen habe, die nicht gewohnt sind, seelische Abläufe in ihrer Ausdehnung durchzukosten und sich in das Innere eines Menschen leidenschaftlich und unersättlich zu versenken. Das ist nicht jedermanns Sache. Mir war es ein seltener Genuß. Die Stimme von Nora Gregor gab einfach alles wieder, was aus einem Menschen strömen kann, der bewegt ist, fühlt, liebt, verzagt und im Gewissen wurzelt. Es war eine unendliche Melodie in der Stimme, die allein musikalisch mannigfaltig fesselte und keinen Augenblick versäumte. Fließender Ausdruck ohne Fading - wenn dieser Vergleich erlaubt ist. Eine bewundernswerte Leistung. Die begleitenden Geräusche, die zumeist der Wirklichkeit entnommen waren - es standen z.B. Mikrophone an einer Straßenkreuzung und in einem menschengefüllten Saal in München - taten in geschickter Beimischung ihren Dienst. Der Gerichtssaal mit der vollen Tribüne und den hallenden Stimmen war höchst eindrucksvoll. Der fahrende Zug und Automotor waren wohl etwas monoton und aufdringlich. Dafür, daß es dem Mikrophon, das den Straßenlärm hereinbrachte, in München um 9 Uhr an Geräuschen etwas fehlte, kann die Deutsche Stunde nichts. Leider schwankt das Manuskript stellenweise zwischen naturalistischer und poetischer Illusion. Konsequenterweise hätte man so wie die Männerstimmen in der Bahn auch die Aussage des Mädchens im Gerichtssaal hören müssen. Durch den Grad der Bewußtheit, den die Töne für Henriette haben, ist der Wechsel nicht immer motiviert. In der Schlußszene habe ich den Einbruch der Nebenpersonen vermißt. Die Einsamkeit der Henriette hätte nochmal durchbrochen werden müssen. Das "Freigesprochen" mußte in einigen Stimmen objektiv da sein, als Gewißheit für uns, nicht nur für Henriette, die sich ja den ganzen Schluß - wer weiß? - auch nur hätte einbilden können. Es ist ein seltsames Gesetz, daß wir entscheidende Tatsachen eigentlich nur dem Dichter glauben, nicht der Person. Sie müssen passieren. Diese und sonst einzelne dynamische Unstimmigkeiten haben die Wirkung und Bedeutung des Abends nicht merklich beeinträchtigen können." (Bayerische Radio-Zeitung. Heft 35 vom 25. August 1929. S. 4)

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Mitwirkende

Sprecher/SprecherinRolle/Funktion
Nora GregorSchwester Henriette


 


Hörspiel historisch (vor 1933) - © DRA/Hanni Forrer


PRODUKTIONS- UND SENDEDATEN

Deutsche Stunde in Bayern GmbH (München) 1929

Erstsendung: 12.08.1929


Livesendung ohne Aufzeichnung


Grundlage der Datenerhebung: Der Deutsche Rundfunk (Programmzeitschrift); Die Bayerische Radio-Zeitung (Programmzeitschrift)


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